Kerstin Celina in Barcelona.

Mit dem Landtag in Spanien

Ich bin mit dem Bayerischen Landtag für eine Woche in Spanien gewesen. In Barcelona wurden wir zum Gespräch mit dem Botschafter eingeladen, dann im katalanischen Parlament. Es ist schön zu hören, dass bei all den Schwierigkeiten, die es im Rahmen der gescheiterten Regierungsbildung und den kommenden Neuwahlen gibt, keinerlei antieuropäische Stimmung gibt.

Am zweiten Tag besuchten wir das Goethe Institut mit dem Projekt „Mit Deutsch in den Beruf“ und hatten dann ein Gespräch mit dem Staatssekretär für Einwanderung und Bürgerfragen, Oriol Amoros, und ein Gespräch mit dem Leiter des städtischen Instituts von Barcelona für Menschen mit Behinderungen, Ramon Labile.

Kerstin Celina mit Oriol Amors und Christine Kamm.

Kerstin Celina mit Oriol Amors und Christine Kamm.

Besonders interessant war das Gespräch über Einwanderung: Der Staatssekretär plädiert dafür, mehr Flüchtlinge aufzunehmen und erinnert an die Zeit unter Franco, als Spanier*innen froh waren, Zuflucht in anderen Staaten zu finden. Ein Satz war: „Innerhalb der letzten 15 Jahre hat sich die Bevölkerung von Katalonien von 6 auf 7 Mio. Menschen erhöht, jährlich kommen 100.000 dazu und ziehen weg, was machen da 5000 Flüchtlinge zusätzlich in Katalonien noch für einen Unterschied?“ 
Nur schade, dass die spanische Zentralregierung das bisher nicht so sieht wie Katalonien. Auch das Ambiente im Sozialministerium war sehr einladend, Kunst an der Decke und Pflanzen und Bäume all überall. Aber diese ganze Stadt ist ein Kunstwerk!

Am nächsten Tag in der Casa Batllo. Und ansonsten Gespräche, Gespräche, Gespräche. Über die von der katalanischen Regierung gewollte Unabhängigkeit und die Sozialsysteme hier, Arbeitsmarktpolitik und Behindertenpolitik. Spät abends haben wir noch einen jungen Senegalesen getroffen, einen klugen jungen Mann, der fließend Englisch sprach und Spanisch und viele weitere Sprachen, den wir zur Situation von Flüchtlingen aus Senegal befragen konnten. Bis vor einigen Jahren gab es viele Jobs in der Bauwirtschaft, seit der Immobilienkrise hier gibt es kaum noch Jobs. Die meisten Afrikaner*innen verkaufen deshalb Sachen auf der Straße, erzählte er. Gesundheitskarte gibt es zwar, wenn sie ausläuft, gibt es keine neue mehr, aber Behandlungen im Krankenhaus sind kostenlos. Medizin kaufen kostet aber. Das soziale Netz hier gibt es zwar, aber viele Arbeitslose bekommen trotzdem nichts. Er ist wie viele andere ganz legal hier. Und bekommt ebenso wie die spanischen Arbeitslosen nicht viel. Das deckt sich mit dem, was wir von Regierungsseite gehört haben.

Wenn ein Viertel der Jugendlichen den Schulabschluss nicht schafft, läuft irgendetwas gewaltig schief. Die Minister*innen hier loben unisono unsere duale Berufsausbildung, aber umsetzen lässt sich das nicht so einfach hier. Die meisten streben nach einem Studium und viele erreichen nicht mal den Schulabschluss, in manchen Regionen noch deutlich mehr als in anderen. Viel Stoff zum Nachdenken.

Später wurden wir vom stellvertretenden Bürgermeister von Málaga empfangen. Obwohl Barcelona, Madrid und Málaga völlig unterschiedliche Städte sind, ist das Problem Jugendarbeitslosigkeit überall ein großes Thema.

Kerstin Celina in Malaga.

Kerstin Celina in Malaga.

Besuch bei der deutschen Schule in Málaga. Thema: Flüchtlinge. Die Schüler*innen stellten ein Projekt vor, einen Benefizlauf zugunsten einer spanischen Flüchtlingsorganisation. Im Rahmen dieses Projektes kam auch

Die Deutsche Schule  in Malaga.

Die Deutsche Schule in Malaga.

Reinhard Kleist, der die Geschichte von Samia Yusuf Omar mit seinem Comic bekannt gemacht hatte, an die Schule. Samia Yusuf Omar war die Olympia- Teilnehmerin, die als Sprinterin ihr Land Senegal bei den olympischen Spielen in Peking vertrat und vier Jahre später wieder antreten wollte.

Weil aber die Bedingungen im Senegal kein Training mehr zuließen und eine legale Einreise unmöglich war, wagte sie die Flucht über das Mittelmeer und ertrank. Das Schulprojekt brachte mehrere tausend Euro ein, die jetzt in der Flüchtlingsarbeit gut genutzt werden können.

Am letzten Tag hatten wir noch ein intensives Gespräch mit einem Mitarbeiter von CEAR, einer spanischen Flüchtlingsorganisation. Er selbst ist nach CEUTA/ Spanien geschwommen von Marokko aus, ca. vier oder fünf Kilometer weit. Den ich in der Diskussion auch fragen konnte, was er davon hält, was wir die ganze Zeit von den spanischen Behörden hören „Wir machen alles, was notwendig ist und leider kommen nur wenige Flüchtlinge bei uns an und beantragen Asyl“. Und der bestätigte, dass Flüchtlinge in CEUTA zurückgeschoben werden, auch wenn sie auf spanischem Gebiet sind und auch wenn sie verletzt sind. Und der bestätigte, dass in Spanien nahezu niemand Asyl beantragt, weil sich niemand dadurch Hilfe erwartet.

Zurück in Deutschland denke ich noch oft an die vielen Eindrücke der letzten Woche. Im Zug ärgerte ich mich über betrunkene, Musik hörende Fußballfans wenige Reihen hinter mir. Aber verglichen mit den existenziellen Problemen der Flüchtlinge ist das völlig belanglos. Dessen bin ich mir sehr bewusst.

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