Go east!

– das ist das Fazit  meiner zweiten Reise nach Südosteuropa. Diesmal Kosovo und Serbien, im letzten Jahr Rumänien. Südosteuropa ist jung, ambitioniert und für mich die Zukunftsregion. Viele sprechen Deutsch, sind ehrgeizig und wollen etwas erreichen – dieses Potenzial sollten wir viel mehr unterstützen und fördern, finde ich. Im Rahmen meiner Reise habe ich in Belgrad mit dem stellvertretenden Botschafter Alexander Jung über die rechtliche Situation und Perspektive von Serbien in Europa/ EU gesprochen. Danach ein Gespräch mit Bastian Sturm vom BAMF über die Perspektiven von Rückkehrern, die abgeschoben wurden. Programme wie „Triple win“, die für Arbeitnehmer aus verschiedenen Ländern legale Zugangswege zu Arbeitsplätzen bieten, sind für abgeschobene Roma und Sinti und Serben meist keine Chance. Die Arbeitslosigkeit im wunderschönen Belgrad ist hoch, so dass für sie auch hier keine Arbeitsplätze zu finden sind. Das heisst, es bleibt der Wunsch zurückzukehren nach Deutschland oder Westeuropa. Doch der Winter kommt – wenn er auch derzeit noch weit entfernt zu sein scheint – und ob die Schlafplätze für Obdachlose reichen werden, ist fraglich. Auch wollen viele gar nicht in Unterkünfte, sondern warten in der Nähe des Bahnhofs darauf, (wieder) nach Westen zu kommen. Auch wenn die Aussicht, dass es klappt, gering ist. 

Wie ist die Situation der Roma und der anderen Minderheiten in Serbien eigentlich genau? Da muss man unterscheiden: zum einen diejenigen, die seit mehr als 20 Jahren hier sind, und die, die neu hinzukommen. Von offizieller Seite hören wir hier,  es gibt „Communities“, die, die neu ankommen, nachdem sie z. B. aus Deutschland abgeschoben wurden, haben hier Familien etc. Aber das ist bequemer Selbstbetrug!

Präsidentenpalast in Belgrad.

Präsidentenpalast in Belgrad.

Für die, die schon lange da sind, hat sich in zwanzig Jahren kein Weg aus der Armut und aus der Diskriminierung heraus ergeben, wer es dagegen geschafft hat, bricht Kontakte ab und gibt seine Zugehörigkeit zu Roma nicht zu, aus Angst, seine beruflichen Erfolge zu verlieren. Das gilt für Serbien genau so wie für Deutschland. Wie funktioniert die Diskriminierung hier genau – nicht jeder ist als Roma erkennbar. Aber in Serbien gibt es noch 768 Roma-Siedlungen, das heißt, Stadtteile ohne Strom, ohne befestigte Strassen, ohne fließend Wasser, Slums mitten in Europa. Wer dort wohnt, hat keine Chance: „in meinem Ort weiß man doch, wo ich wohne, bzw. dass ich nicht im serbischen Ortsteil wohne. Da hilft mir keiner.“  Aber klar ist auch: das Land Serbien selbst ist nicht arm, Belgrad ist eine wunderschöne Stadt. 

 

Dennoch gibt es in ganz Belgrad keine Kläranlage! Das Gespräch im Umwelt – und Landwirtschaftsministerium brachte eine Menge Überraschungen. Bis 2041 muss Serbien 320 Kläranlagen bauen Zur Zeit gibt es 54 und sie sind nicht alle europ. Standard. Recycling Quote muss von 5% auf 50% steigern, da bleibt noch viel zu tun. Abends Feier zur Deutschen Einheit. Mit toller Musik und vielen Gästen in der Deutschen Botschaft.

Ich glaube, ich bin inzwischen Südosteuropafan. Oder Balkanfan. Wir sehen hier auf dieser Informationsfahrt sehr viele Probleme, reden den ganzen Tag über Probleme, aber überall sehe ich inzwischen Potentiale. Hier im Kosovo gibt es viele Menschen, die gute Grundkenntnisse in Deutsch haben. Und gerade die jungen Leute sind aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit (70% Jugendarbeitslosigkeit, 30% Arbeitslosigkeit, nur 10- 15% der Frauen arbeiten überhaupt) bereit, sehr schnell und sehr intensiv deutsch zu lernen, wenn die Chance besteht, in Deutschland arbeiten zu dürfen. Da die Bevölkerung hier sehr jung ist und der Arbeitsmarkt die vielen Absolvent*innen nicht aufnehmen kann, besteht kaum Gefahr eines „brain drains“ , im Gegenteil, jeder Kosovare, der anderswo arbeitet, schickt Geld nach Hause und stabilisiert die Familie zuhause. Es gibt viele gute kleine Projekte und Programme, aber die Aufgaben, vor denen das Land steht (z. B. Korruption bekämpfen, die wirklich dreckige Kohleförderung durch andere Energieformen ersetzen und vieles mehr) sind enorm.  Aber auch Länder wie Litauen oder andere haben es geschafft! Ich wünsche das auch dem Kosovo.

Spannend war auch der Besuch eines Projekts, bei dem den Bewohner*innen einer abbruchreifen Siedlung respektable kleine Wohnhäuser zur Verfügung gestellt werden. Aber faktisch blieben die Bewohner*innen in einem separaten Wohnviertel unter sich, es gibt nur wenige Arbeitsplätze in der Umgebung und die Hoffnung auf Besserung und der Antrieb, zu versuchen, etwas zu verändern, ist auf Seiten der Bewohner*innen und auf Seiten der Gemeinde gering. Die Schulpflicht wird nicht durchgesetzt ( wie auch?), insbesondere im kalten Winter ist es beschwerlich und nicht attraktiv, in die Schule zu gehen, und Anreize,  z.B. kostenloses Essen an der Schule für alle, gibt es auch nicht. Stattdessen Gelegenheitsarbeit für die gesamte Familie im Weinberg mit dem Effekt, dass der Schulbesuch wieder ausfällt. Angesprochen auf mögliche Veränderungen meinte ein Mann „es ist zu spät“ – eine Aussage, die vielleicht auf ihn zutraf, aber sicher nicht auf die vielen, vielen Kinder dort.

Besuch bei AWO Nürnberg im Kosovo.

Besuch bei AWO Nürnberg im Kosovo.

Davor waren wir noch bei zwei weiteren Terminen, einmal AWO Nürnberg im Kosovo, die Rückkehrer*innen und abgeschobene Kosovaren berät und unterstützt, und bei einem Treffen mit Roma- Vertretern und einer VertreterIN. Die ihren männlichen Kollegen durchaus Kontra gegeben hat, was z. B. gleiche Bildungschancen für Männer und Frauen (Alphabetisierungsrate) anging.

Da sah sie durchaus großen Veränderungsbedarf. Aber ansonsten war klar: Arbeit, Wohnen, Gesundheitsversorgung und Bildung werden gebraucht, aber das bedingt sich alles gegenseitig und kostet viel Geld, insbesondere da die Bevölkerung hier sehr jung ist. Zumindest was die Bildung angeht, wird man Ende des Jahres Vergleiche haben – Kosovo macht das erste Mal bei PISA mit.

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