Den Internationalen Tag der Seelischen Gesundheit am 10. Oktober nehmen wir als Grüne Landtagsfraktion seit Jahren zum Anlass in unserer Veranstaltungsreihe „Dialog zur Psychischen Gesundheit“ verschiedene Aspekte in diesem Themenbereich aufzugreifen. Dieses Mal habe ich als Sprecherin für Sozialpolitik und Psychische Gesundheit zusammen mit meinen Fraktionskolleg*innen Julia Post, Sprecherin für Frauen, Jugend und den Öffentlichen Dienst, und Andreas Hanna-Krahl, Sprecher für Gesundheit und Pflege, den Fokus auf die pflegenden An- und Zugehörige gelegt.
Unser Anliegen ist es, mit unseren Veranstaltungen ein Forum für offene Gespräche und Diskussion zwischen Betroffenen, Expert*innen und Politik zu schaffen. Vor Ort diskutiert haben neben den Teilnehmenden auch Dr. Klaus Pfeiffer, Diplompsychologe am Robert Bosch Krankenhaus, Abteilung in Stuttgart, die beiden Wissenschaftlerinnen Natascha Lauer und Johanna Schmidt vom Universitätsklinikum Erlangen sowie Petra Schmieder-Runschke, Stifterin und Vorsitzende der An Deiner Seite-Stiftung für Angehörige mit Care-Verantwortung.

Unter der Federführung des Universitätsklinikums Erlangen ist eine Längsschnittstudie zur Stärkung der häuslichen Pflege in Bayern – Bedürfnisse und Bedarfe pflegender Angehöriger erstellt worden. Die beiden Projektmitarbeiterinnen, Natascha Lauer und Johanna Schmidt einige der Ergebnisse dieser Studie zu Belastungen und Erleben von positiven Effekten von pflegenden Angehörigen vor, die als repräsentativ für Bayern gilt.
„Die häusliche Pflege ist weiblich“, so ihr Resümee, denn es sind vorwiegend Töchter, die Eltern oder Schwiegereltern pflegen. Ein Problem ist dabei die räumliche Distanz der Kinder zu den Eltern bzw. Schwiegereltern, die die Pflege durch Angehörige erschwert. Als Stressfaktoren in der häuslichen Pflege nannten sie die Rollenkonfusion (Tochter, Mutter, erwerbstätig), die allmähliche Übernahme von immer mehr Aufgaben für Erkrankte sowie finanzielle Einbußen und der Rückgang sozialer Kontakte. Eine besonders hohe objektive Belastung ergab sich durch den zeitlichen Aufwand von mind. 10 Stunden pro Tag. Hinzu kamen psychische Beeinträchtigungen durch Kopfschmerzen, Schlafstörungen, depressive Symptome und Erschöpfung bei mehr als der Hälfte der Befragten. Diesen Belastungen standen aber auch Zugewinne gegenüber wie eine insgesamt positivere Lebenseinstellung, größeres Verantwortungsbewusstsein, besseres Zeitmanagement und eine verbesserte soziale Interaktion mit der zu pflegenden Person sowie die Wertschätzung durch andere.
Dr. Klaus Pfeiffer vom Robert-Bosch-Krankenhaus Stuttgart betrachtete die Wertschätzung, Unterstützung und Stärkung pflegender Angehöriger als gesamtgesellschaftliche Verantwortung und Aufgabe. Er berichtete aus eigener Erfahrung als hauptpflegender Angehöriger seiner Mutter, die nach einem Sturz ihre Autonomie verloren hat. Als besonders belastend erfuhr er die Übergänge von Entlassmanagement des Krankenhauses, Kurzzeitpflege, Rehabilitation und Rückkehr ins eigene Heim mit Pflegegrad 2. Problematisch war die erhebliche räumliche Distanz zwischen Mutter und Kinder, die Organisation von und Anfahrten zu Fachärzten, die emotionale Care-Arbeit – kurz: es waren fünf plus ein Arbeitstag pro Woche. Gerade der Austausch, die Vernetzung mit anderen, die nachbarschaftliche Hilfe im Dorf waren wichtig und hilfreich. „Die Frage ist doch“, so Pfeiffer, „wie wir gesellschaftliche Strukturen schaffen können, um bürgerschaftliches Engagement vor Ort zu entwickeln“.
Im Mittelpunkt des Vortrags von Petra Schmieder-Runschke standen sog. Young Carer (YC), deren Care-Arbeit bislang im Verborgenen stattfindet. „In jeder Schulklasse sitzen statistisch gesehen ein bis zwei Young Carer“, so Schmieder-Runschke. Sie schätzt die Zahl der YC auf etwa eine halbe Million – zwei Drittel davon Mädchen – , wobei von einer hohen Dunkelziffer auszugehen ist. YC bleiben gerne unsichtbar und outen sich oft erst dann, wenn die Situation eskaliert. Unterstützungsangebote für diese Gruppe gibt es kaum. YC haben in der Regel kein Bewusstsein über ihre außergewöhnliche Pflegeleistung, sie betrachten ihre familiäre Unterstützung als selbstverständlich und verbergen bewusst ihre Familiensituation aus Angst vor Stigmatisierung und Mobbing. Sie werden bereits im Kindesalter parentifiziert, schlüpfen in die Elternrolle, führen Arztgespräche, erledigen Behördengänge, betreuen die Medikamenteneinnahme, gestalten den Alltag. Dies beeinflusst nicht nur Schule und Alltag, sondern auch die persönliche Entwicklung: YC tendieren bereits im frühen Alter zu Burnout und Depressionen. Umgekehrt übernehmen sie früh Verantwortung und sind meist reifer als Gleichaltrige. Sie verfügen über ein starkes Gefühl von Selbstwirksamkeit und ein gesteigertes Selbstwertgefühl und identifizieren sich in hohem Maße mit ihrer Rolle.
Angesichts der Tatsache, dass es kaum Unterstützungsangebote für Young Carer gibt, hat die Schmieder-Stiftung das Projekt „YOUNG CARER COACH – Für junge pflegende Angehörige“ ins Leben gerufen, eine digitale Plattform mit aktuellen Infos, Terminen und Kontakten für junge Menschen mit Pflegeverantwortung, die sich hier austauschen und vernetzen können. Ziel ist u.a. die Öffentlichkeit, insbesondere Politik und Gesellschaft, zu sensibilisieren und mehr Unterstützung aus dem sozialen Umfeld zu gewinnen. An die Politik stellte Runschke-Schmieder klare Forderungen: „Wir brauchen mehr Sichtbarkeit und rechtliche Anerkennung für Young Carer. Wir brauchen Expert*innen in den Schulen und Jugendämtern für Young Carer, die unterschiedlichen Systeme Schule, Jugendhilfe und Pflege müssen sich untereinander besser vernetzen. Wir brauchen altersgerechte Pflegeangebote und finanzielle Unterstützung.“
Anknüpfend an die Vorträge kam es zu einer lebhaften Diskussion im Publikum. Dabei wurde auf die Vielfalt des Begriffs der pflegenden Angehörigen aufmerksam gemacht, die sich aus Young Carern, die ein Geschwisterteil oder die Eltern unterstützen, aus berufstätigen Eltern, die ihre schwerkranken Kinder pflegen, oder schließlich aus erwachsenen Angehörigen, die ihre pflegebedürftigen Eltern oder Schwiegereltern versorgen, zusammensetzen. Ein Fazit war, dass es punktuell sehr gute Angebote gibt wie z.B. Pflegewohnen auf Zeit der Stadt Mannheim oder der Pflegestammtisch der Landwirtschaftlichen Krankenkasse. Die Frage sei nur, wie man diese in die Fläche bringen könne. Last but not least wurde auch auf die Gruppe der Young Adult Carer aufmerksam gemacht wie z. B. Studierende mit Pflegeverantwortung. Auch hier herrscht noch zu wenig Bewusstsein an den Hochschulen trotz einiger Best-Practice-Beispiele wie die OTH Regensburg. Einig war man sich dahingehend, dass man psychische Erkrankung im häusliche Pflegesetting deutlich mehr thematisieren müsse und den Staat nicht aus der Verantwortung lassen dürfe.
Im Anschluss an die Veranstaltung hatten die Gäste die Gelegenheit, die Ausstellung „Ein Wir ist stärker als ein Ich“ des Mutmachleute e. V. zu entdecken. Die Ausstellung zeigt auf eindrucksvolle Weise Betroffene von psychischen Erkrankungen und Angehörige, die Gesicht zeigen und Mut machen. Sie laden ein, sich dem Menschen zu nähern: „Ich habe eine psychische Erkrankung, aber ich bin nicht die psychische Erkrankung.“ Mutmachleute e. V. setzt sich dafür ein, Stigmatisierung abzubauen und einen offenen Dialog über psychische Gesundheit zu fördern.

